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Vom Elend der wirtschaftspolitischen Diskussion in Deutschland
Die wirtschaftspolitische Diskussion in Deutschland: Einzelwirtschaftliches Denken, Nachplappern, Phantasiezahlen von Günther Grunert

Quelle (PDF) PAUKOS 3/2005
Verfolgt man die wirtschaftspolitische Auseinander- setzung in den deutschen Medien, so ist man zwischen Erstaunen, Verzweiflung und Ärger hin- und hergerissen. Da werden die zu hohen Lohnabschlüsse und zu hohen Lohnnebenkosten bejammert, obgleich wie aus Statistiken des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ersichtlich in den vergangenen 24 Jahren in keinem anderen wichtigen Industrieland mit Ausnahme des deflationsgeplagten Japans die Lohnstückkosten (die Lohnkosten je Produkteinheit; und zwar die gesamten Lohnkosten einschließlich aller Lohnnebenkosten) so geringfügig gestiegen sind wie in Deutschland. Da wird die hohe Staatsquote (die Relation der Staatsausgaben zum Bruttoinlandsprodukt) für das deutsche Dilemma verantwortlich gemacht, obgleich diese ziemlich exakt dem Durchschnitt der 15 alten EU-Mitgliedsländer entspricht und das Wirtschaftswachstum in einigen Ländern mit höherer Staatsquote (Schweden, Frankreich) in den letzten fünf Jahren höher als bei uns war. Da wird erzählt, Deutschland müsse wieder international wettbewerbsfähiger werden und die Grünen-Politikerin Renate Künast ruft gar zum Kauf deutscher statt ausländischer Produkte als Beitrag für mehr Beschäftigung auf (die deutschen Unternehmen sollen also weiterhin massenhaft Güter an den Rest der Welt verkaufen, aber der Rest der Welt weniger an Deutschland), obwohl Deutschland nicht nur Exportweltmeister ist, sondern in den letzten Jahren riesige Handelsbilanzüberschüsse1 erzielte 156 Mrd. Euro im Jahr 2004, 130 bzw. 133 Mrd. Euro in den beiden Jahren zuvor. Da fliehen angeblich glaubt man den zahlreichen Medienberichten und Redebeiträgen in den bekannten Talkshows die deutschen Mittelständler massenhaft nach Tschechien, Ungarn oder Kirgisien; tatsächlich aber zeigt eine für den "MittelstandsMonitor 2005" von Creditreform durchgeführte Unternehmensbefragung, dass nur 1,9% der deutschen Mittelständler in Mittel- und Osteuropa investiert haben. Da sind sich alle einig, dass der deutsche Arbeitsmarkt unflexibel und verkrustet ist, obwohl allein die Tatsache, dass jedes Jahr in Deutschland etwa sechs Millionen Arbeitnehmer ihren Arbeitgeber wechseln (freiwillig oder durch Entlassung gezwungen), gegen diese Behauptung spricht. Da wird über die hohe Abgabenbelastung in Deutschland lamentiert, die eine massive Einschränkung staatlicher Leistungen erfordere, obgleich die deutsche Abgabenquote (die Relation von Steuern und Sozialabgaben zum Bruttoinlandsprodukt) mit 43,6% unter dem Durchschnitt der alten EU-Länder (44,2%) liegt. Die Liste der Halbwahrheiten, Fehldiagnosen, Verdrehungen und Mythen ließe sich problemlos fortsetzen, aber eine Beschäftigung damit würde den Rahmen dieses Aufsatzes sprengen. Statt dessen möchte ich mich auf drei sehr typische Arten von Denkfehlern und Irreführungen beschränken, die besonders weit verbreitet sind und vielen der gängigen Horrorszenarien zugrunde liegen: das dominierende einzelwirtschaftliche Denken, das ungeprüfte Nachplappern von Glaubenssätzen und "passenden" Negativmeldungen sowie das Argumentieren mit reinen Phantasiezahlen. mehr

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