wahl-stimmen

Absurdes Tagebuch

Heinrich von Pierer hat in der Financial Times Deutschland vom 03.05.2005 in einem Gastkommentar zur "Antikapitalismus-Debatte" (!) gefordert: "Bitte nicht ablenken von den eigentlichen Problemen unseres Landes. ... Herrn Ackermann zum Buhmann der Nation machen zu wollen ist erbärmlich."
Der Siemens-Chef (jetzt Aufsichtsratsvorsitzender) hätte sich ebenso selbst nennen können. Der Gutmensch gestand kürzlich in einem "Stern"-Interview: "Ich würde lieber weniger Menschen weh tun, das ist schon wahr." Doch leider gebe es kein zurück zur Idylle unter dem Mond von Wanne-Eickel: "Ich muss ja Kapitalist sein, ich muss mich für den Shareholder-Value einsetzen, ich muss die Aktionäre befriedigen - aber ich will mich ebenso um das wichtigste Gut des Unternehmens kümmern: um unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter".
Damit der Gutmensch sein Gewissen nicht noch länger und verschärft mit dem Gut Mensch belasten muss, sollte man das "erbärmliche Ablenkunksmanöver" - auch wenn er sich daren selbst beteiligt: wo er recht hat, hat er recht - in der Tat schnell überwinden und sich den "eigentlichen Problemen" zuwenden.
Einen Problemaufriss hat uns Jürgen Habermas - ein philosophischer Kopf und kein Brotgelehrter Anm: diese begriffliche Unterscheidung hat "unser" Schiller in seiner Jenaer Antrittsvorlesung eingeführt - schon vor sechs Jahren geliefert (siehe Blätter für deutsche und internationale Politik, 1999, 425-436)
Aber welches Problembewußtsein erleben wir stattdessen?! Wie sagte Alois Glück so treffend: "Die Politik ist Opfer ihrer Oberflächlichkeit." Ich fürchte, sie wird daraus keine Lehren ziehen und mit Peer-Wer "Kurs halten", also weiterhin mit Merkels Omo-Schaum den Wähler einseifen oder mit Müntes Persil- Scheinangeboten hinter die Fichte führen.
Vermutlich hatte Günter Gaus recht, der am 30.05.2003 in der SZ schrieb, "dass die Demokratie sich selbst verloren hat". Er stellte fest: "Das Funktionieren einer Demokratie gründet sich auf die Bereitschaft des Souveräns, sich gelegentlich beim Gewinnen von Einsichten in das politische Tun und Lassen und dessen Konsequenzen anzustrengen." Die Anstrengung haben ihm die "Manipulateure des Systems" (Gaus) wie die INSM mit freundlicher Unterstützung von "Sabine Christiansen" aber schon längst abgenommen.
Ich fürchte auch, dass tägliche Grüße aus Absurdistan, dem Land des "kollektiven Wahns" daran nichts ändern werden. Um noch einmal Günter Gaus zu zitieren: "Wenn man alt genug geworden ist, um alle Hoffnung auf eine grundlegende Veränderung des Menschen aufgegeben zu haben, dann bleibt einem als intellektuelle Anstrengung nur noch das Vergnügen, sich selber nichts mehr vorzumachen."
Was euch - "Wacht auf! Auf den Schultern der Jugend ruht die Zukunft des Volkes." - aber nicht hindern soll, gelegentlich einmal Habermas zu lesen (und nicht nur "Desperate Housewives" zu glotzen). Wem das zu "anstrengend" ist, der kann auch die Rede an die Nation von "unserem" Nobelpreisträger lesen (Günter Grass: Freiheit nach Börsenmaß ).

© Copyright 2005 - 2006, Inhalt: Gerd Gierszewski, Technik: Bernd Klein