Kapitale Wahrheit

Der reine Wahlsinn

Erkennbarer Gegner

DIE WELT bringt es - wie immer: offen und ehrlich - auf den Punkt: Gegenüber dem "sozialreaktionären Programm" der Linkspartei und dem "Hallodri-Duo" an der Spitze können die rot-grün-schwarz-gelben Reformparteien nur Strahalkraft und Kontur gewinnen - und die Legitimation für die anstehenden notwendigen Grausamkeiten. Wir merkeln uns: Wer Deutschlands Zukunft retten will, muss anderen Opfer abverlangen.

Denn wenn die Feinde des freien Marktes wie Lafontaine und Gysi die "antikapitalistische Sehnsucht nach dem bevormundenden Wohltatenstaat" - also die sozialreaktionären Träume nach solidarisch finanzierten sozialen Sicherungssystemen - auf sich ziehen, dann wird die Union, so die klare Welt-Sicht, mit ihrem viel höheren Stimmenanteil sagen können, dass sie einen "klaren Auftrag für marktwirtschaftliche Reformen" hat und nicht mehr "falsche Rücksicht auf tatsächliche oder vermeintliche Korporatismusnostalgiker" nehmen muß. (Zur Erinnerung: Das sind jene Konsenspolitiker aus dem vorigen Jahrhundert wie Blüm und Seehofer, die einmal - heute völlig unverständlich - für eine Politik des sozialen Ausgleichs standen. Die haben wir, Schröder sei Dank, überwunden.)

Genau. Dann kann man die Laumänner aus dem rheinischen Rüttgers-Club endlich in die Ahlener Ecke stellen, wo ihren verstaubten Düsseldorfer Leitsätze nachtrauern können, und sich ungestört dem Masterplan des Wirtschaftsrats zuwenden und mit dem moderne, gemeinwohlorientierte steuerpolitische Programm der "überparteilichen" Stiftung Marktwirtschaft die Lücken des "Regierungsprogramms" der Union auffüllen.

Klare Fronten also. Denn diese uneinsichtigen Nörgler haben dann eben die Partei der Ewiggestrigkeit gewählt - genauso wie jene, die der SPD "kein Mandat für deren dringend notwendigen Erneuerungsprozeß" geben wollen. Damit das klar ist: "Wer jetzt noch SPD wählt, will nichts Altlinkes - auch keine linke Koalition." Höchstens eine schwarze, zart-rosa angehaucht. Schließlich hat der Agenda-Kanzler ("Wir machen den Weg frei") "Vertrauen in Deutschland", genauer: in die "Vernunft und Einsicht der Deutschen".

So sorgt die Mottenkisten-Partei für Profilierungsdruck und den notwendigen Klärungsprozess. Denn machen wir uns nichts vor: "Deutschland läuft auf einen Transformationsprozeß zu, der von den reformbereiten Parteien klare Positionen erfordert und zu Konflikten führt, die endlich ausgetragen werden müssen."

Seien wir also froh und der Welt dankbar, dass sich das "diffusem Gegrummel in einen erkennbaren Gegner verwandelt" hat.

Quelle Die Welt, 18.07.2005, Kommentar von Matthias Kamann

Was ein "klarer Auftrag für marktwirtschaftliche Reformen" erkennbar bedeutet, hat der Chefkommentator der "Welt am Sonntag" - ebenso offen und ehrlich - dem reformwilligen Wahlvolk vor Augen geführt. Nehmen wir die Kapitale Wahrheit endlich zur Kenntnis: "Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch."

Gestern abend zur Primetime erinnerte uns unser Staatoberhaupt noch einmal mit besorgter Miene an die Bedrohngsanalyse aus der "Agenda Köhler": "Unsere Zukunft und die unserer Kinder steht auf dem Spiel." Wir haben keine Wahl. Aber der Gegner ist jetzt erkennbar.

Hören wir also auf den Bundeskanzler: "Die Wähler können im Herbst enscheiden, welchen Weg unser Land gehen soll."


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