Getarnte Lobby

Maskenball im Fichtenwald

Hohe Schule
Die Kunst der Sprachaneignung und ihre Etablierung in Orwellscher Form

In einem Interview mit dem Sponsor der Initiative Neue Soziale Marktwirtschscaft (INSM) vermittelte die Frankfurter Rundschau am 30.11.2004 ihren Lesern mit kritischen Fragen, dass die Initiative nicht etwa die "dreisteste Propagandakompanie des neoliberalen Kahlschlags" ist - diesen Titel verliehen ihr die "Überflüssigen" bei der Krönungsmesse des Verfassungsrichters di Fabio zum "Reformer des Jahres 2005" - oder auch nur die getarnte Lobbytruppe für partikularen Kapitalinteressen. Nein, Gesamtmetall-Chef Kannegiesser konnte sie und sich sprachaneignend als besorgte Apostel des Gemeinwohls stilisieren.

Das Interview ist ein Lehrstück für die hohe Kunst der Sprachaneignung und Etablierung in orwellscher Form - besonders wirkungsvoll in einem scheinbar kritischen Umfeld. Die 'Dekonstruktion der Fassade' findet nicht statt, im Gegenteil: Der Lohndrücker wird zum Wohltäter, der Systemveränderer zum Wahrer der Demokratie.

Ouverture facile
Die Arbeitgeber, lernt der Leser, freuen sich nicht etwa, dass der Mindestlohn vom Tisch ist. Nein, sie sind erleichtert, dass "Arbeitsplatzverluste für Geringqualifizierte" vermieden werden. Und die Angst vor Arbeit, die arm macht? "Das Schlimmste ist doch, keinen Arbeitsplatz zu finden", erklärt Kannegiesser: "Auf Dauer von Sozialtransfers abhängig zu sein, macht Menschen unfrei und unselbstständig." Wenn der fürsorgende Staat die Menschen demütigt, ist klar, dass das Sozialstaatsgehäuse der Hörigkeit gesprengt werden muss - und sei es durch Hungerlöhne.

Aber darf man Gewinne einfahren, Dividenden ausschütten und keine Arbeitsplätze schaffen? Unbedingt. Im klassischen Dreisprung kann er das begründen: Einige wenige DAX-Unternehmen, die "durch Ausschüttungen Kurspflege betreiben müssen", machen zwar Gewinne, bezogen auf die gesamte deutsche Wirtschaft ist das aber "ein kleiner Teil". Hinzu kommt, dass die Gewinne überwiegend "im Ausland erwirtschaftet" werden. Außerdem müssen sie "zunächst ihre Kapitalstruktur wieder stärken, um kredit- und investitionsfähig zu sein".

Aber sind nicht Lohnsteigerungen zur Stärkung der Binnennachfrage nach Jahten der Bescheidenheit verkraftbar? Keinesfalls. "Die Arbeitskosten sind unter allen Industrieländern in Deutschland mit Abstand am höchsten." Und das Nachfrage-Argument wird gleich mit erlegt: "In unserer Situation belastet die Kostenerhöhung die Nachfrage stärker, als die Lohnerhöhung nützt."

Wie lange soll das noch so weitergehen, wo bleibt der Lohn für den Lohnverzicht? Nicht jammern. "Das Positive ist: Wir haben die Chance, unseren hohen Lebensstandard zu halten. Das ist keine Selbstverständlichkeit." Dafür müssen aber, das ist leider unvermeidlich, Reallohnkürzungen und Arbeitszeitverlängerung in Kauf genommen werden.

Finale furioso
Die Dreistigkeit (und zugleich Offenheit), mit der Begriffe ihres Inhalts beraubt und Sachverhalte schamlos uminterpretiert werden, ist imposant. Das zeigt die Antwort auf die Frage nach den Geldquellen der INSM. Wer die Finanzierung durch den Arbeitgeberverband Gesamtmetall kritisiere, so (v)erklärt dessen Präsident mit besorgter Miene in übergeordnet-verantwortlicher Pose, stelle sich ein Armutszeugnus aus:

"Uns geht es darum, in einer schwierigen Umbruchphase das Verständnis für Zusammenhänge in der sozialen Marktwirtschaft zu fördern. Denn wenn diese nicht mehr gemeinsame Plattform für alle ist, besteht die Gefahr, dass unsere Gesellschaft auseinander driftet. Wenn wir es schaffen, die Reformbereitschaft zu stärken, dann ist das gut angelegtes Geld für den Standort Deutschland. Das als parteipolitisch motivierte Aktion zu diffamieren, zeigt ein schlechtes Verständnis von einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft."
Demokratie ist also die Einsicht in die Notwendigkeit von Reformen, wie sie die Arbeitgeberseite definiert - natürlich uneigennützig im Gesamtintersse. Nüchterner ausgedrückt, mit den Worten des große Soziologe Pierre Bourdieu, geht es um "eine Änderung der Wahrnehmungs- und Bewertungskategorien der sozialen Welt und darin (um) eine Veränderung der sozialen Welt selbst".

Aller Inhalt wird präformiert
Herbert Marcuse - falls man den heute noch zitieren darf - hat solchen Prozess schon 1965 in dem Essay 'Repressive Toleranz' analysiert: "(Andere Wörter und andere Gedanken) werden nach dem massiven Maßstab der konservativen Mehrheit (außerhalb solcher Enklaven wie der Intelligenz) sofort 'bewertet' (das heißt: automatisch verstanden) im Sinne der öffentlichen Sprache - einer Sprache, die 'a priori' die Richtung festlegt, in welcher sich der Denkprozeß bewegt."

Damit ende, anlysiert Marcuse, der Prozeß der Reflexion dort, wo er anfing: in den gegebenen Bedingungen und Verhältnissen. "Sich selbst bestätigend, stößt der Diskussionsgegenstand den Widerspruch ab, da die Antithese im Sinne der These neubestimmt wird."

Marcuse macht das an einem Beispiel deutlich: "These: wir arbeiten für den Frieden; Antithese: wir bereiten Krieg vor (oder gar: wir führen Krieg); Vereinigung der Gegensätze: Kriegsvorbereitung ist Arbeit für den Frieden. Frieden wird dahingehend neubestimmt, daß er, bei der herrschenden Lage, Kriegsvorbereitung (oder sogar Krieg) notwendig einschließt, und in dieser Orwellschen Form wird der Sinn des Wortes 'Frieden' stabilisiert."

Die Probe aufs Exempel haben wir erst jüngst wieder erlebt. Andere Anwendungsbeistpiele des Prinzips werden uns in jeder politischen Talkshow vorgeführt. Noch einmal Marcuse: "So wirkt das Grundvokabular der Orwellschen Sprache im Sinne apriorischer Kategorien des Verstehens: aller Inhalt wird präformiert."

Deshalb kann Kannegiesser auch angesichts von Massenentlassungen glaubhaft versichern: "Wir Unternehmer werden beim Ringen um den künftigen Platz unserer Wirtschaft und unseres Landes in der Welt weiterhin betriebswirtschaftlich notwendiges Handeln mit der Sensibilität für unsere Mitarbeiter verbinden." Oder kurz: "Wir kämpfen um jeden Arbeitsplatz." So wie Krieg Arbeit für den Frieden ist.

Siehe auch:
Wie man mit Pierre Bordieus Werk über "Die feinen Unterschiede" den "Internet-Krieg der Editoren" und die Strategie der INSM in einem gesellschaftlichen "Kampffeld der Klassifikationssysteme" erklären kann.


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