Die Qual nach der Wahl

Zwischen Wahl und Sinn

Nach der Wahl die Qual
von Betina Röhl
19.09.2005 - Cicero Online Exklusiv: Merkel hat die Bundestagswahl verloren. Schröder auch. Journalisten und Demoskopen haben sich mehrheitlich in ihren Wahlprognosen geirrt. ...
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Der Wähler hat gesprochen und sein vernichtendes Urteil über die Unionskanzlerkandidatin Merkel gefällt. Der Wähler hat auch die Demoskopen vorgeführt und auch die vielen sich früher rot-grün gerierenden Wendehälse unter den Journalisten, die den sicheren Sieg Merkels seit Monaten antizipierten, und sich bereits voll dem Neokonservativismus oder dem Neoliberalismus an den Hals geworfen hatten.

In den letzten Tagen vor der Bundestagswahl waren, so schien es, vor allem die Hauptstadt-Journalisten so gut wie alle Medien in ein heißes Dostojewskisches Spielfieber verfallen und hatten bis zum Wahltag wie an einem Roulettetisch abwechselnd und oft genug gleichzeitig ihre Chips auf Rouge oder/und Noir gesetzt. Der Ich-Journalismus schlug Blüten. Die Selbstdarstellung manch eines Journalisten, der sonst um den Anschein von Distanz und Objektivität bemüht war, mündete in teils penetranten, zur Schau gestellten Fragen an sich selbst, den Leser und Prominente: Wen wählen Sie? Wen wählst Du? Wen wähle ich selbst? Wen soll, darf, muss und kann man (noch) wählen?

Das Roulettekarussell drehte sich immer wilder und verrückter und jene zunehmend mehr auf ihren persönlichen Gewinn spielenden Journalisten schienen die Realität vor lauter Umfragen, Stimmungen und auch wegen der selbst täglich neu geschaffenen, inflationären Medienwirklichkeiten mehr und mehr aus dem Auge verloren zu haben. So gesehen hatte der sonst von den Medien gestreichelte und gehätschelte Gerhard Schröder, der sich am Wahlabend wie mit einem Wundermittel gedopt präsentierte, recht, als er sich lautstark dahingehend verbreitete, dass einzelne Medienmacher ihre Macht manipulativ missbraucht hätten. Sicher, ganz und gar unbewusst, hatte es in der Tat einen kurzen Wahlkampf lang in vielen Medienköpfen gemerkelt. Und jetzt die Ernüchterung: der Wähler hat das Roulettespiel beendet und die Kugel auf die Null gelegt: Nix da Rouge mit ein bisschen grün oder Noir mit ein bisschen gelb. Es scheint: Rien ne va plus.

Merkel hat gefloppt. ... mehr


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