Die Qual nach der Wahl

Zwischen Wahl und Sinn

Die Mediokren und der ehrbare Berufsstand


Medien-Debatte revisited. Die Medien-Debatte geht in die dritte Runde: Nach einer kurzen Eröffnungsrunde mit einem Anflug von Besinnung ging es schnell in die "kollegiale" Nahkampfrunde mit Selbstbeweihräucherung. Und nach einer kurzen Atempause ist jetzt die Runde der distanzierten Aufarbeitung auf abgeklärten Symposien angesagt. Wäre angesagt.

Während sich die FAZ freute, dass der vom Presseamt der Regierung geplante Kongress torpediert werden konnte und die vom WamS-Chef Kesse für Anfang 2006 angedrohte Konferenz ("Nun nehmen wir uns gemeinsam des nächsten großen Themas an.") flugs die Perpektive gewechselt hat - das Konferenzthema lautete: "Vertrauenskrise - Die Deutschen und ihre Politiker" - war die FDP-nahe Naumann-Stiftung schon am Start - mit einem Symposium auf dem Hambacher Schloß und der Frage: "Wer regiert wen?"

Und wer antwortete darauf? Da klopfte Bernhard Vogel (Adenauer-Stiftnng) lobend der Dame vom ZDF auf die Schulter, stellvertretend für ihren Chef Nikolaus Brender, der in der Elefantenrunde am Wahlabend die Mediokratie so tapfer gegen Medienschelte des Kanzlers verteidigt hatte. Da posiert Jörges, Brand-Stifter der Marke "Vison D", als in seiner Lieblingsrolle als Besserwisser-Biedermann. Da beschwichtigt Peter Voß (SWR-Indendant), das habe es alles schon immer gegeben. ... Friede, Freude, Eierkuchen.

Vertreten war mit Karl-Rudolf Korte auch ein Medienwissenschaftler. Aber solche kritischen Töne wie die seines Kollegen Weischenberg hörte man nicht: "Die nervöse Berliner Luft und das rote Licht der Fernsehkameras haben eine journalistische Pseudoelite hervorgebracht, die durch Stimmungsmache aus der Rolle fällt und dazu beiträgt, dass die politische Kommunikation zum Gemischtwarenladen von Opportunisten verkommt." In seiner Studie Journalismus in Deutschland" stellt er allerdings auch fest, dass die auffällige Selbstinszenierung und die einseitige Parteinahme von Journalisten im Bundestags-Wahlkampf eine Hauptstadt-Ausnahme sei.

Und dann gab's da doch noch einen Störenfried aus den eigenen Reihen - allerdings auf einer anderen Veranstaltung. Auf der Jahrestagung 2006 des Netzwerks Recherche am 19./20.05.2006 hielt Frank A. Meyer, Chefpublizist des Schweizer Ringier-Verlages die Eröffnungsrede: "Die Mediokren - Wünsche an einen ehrbaren Berufsstand". "Gleichförmig. selbstherrlich, machtversessen" - diesen Eindruck machen die deutschen Medien auf den Schweizer Journalisten.

Meyer beschreibt die deutschen Medien als Macht, die die Bodenhaftung verloren habe. Es ginge nicht mehr darum, den Menschen Informationen, an die sie selbst nicht kommen, zur Verfügung zu stellen, sondern vielmehr darum, dass Medien ihre Chance nutzen möchten, die (Regierungs-)Politik - noch vor dem Volk - zu bestimmen. Meyer glaubt, dass die deutschen Medien sich ihrer Macht bewusst seien und gezielt einsetzten. Zudem kritisiert er den journalistischen Berufsstand, der sich immer mehr zu einer "Kaste" entwickle: Journalisten würden sich nicht mehr gegenseitig kritisieren und es entstünde ein "Mainstream in der Einschätzung von Politik oder Wirtschaft, von Politikern und Unternehmern, von Parteien und Verbänden und Gewerkschaften".
Vierzig Jahre lang betrieb ich meinen Beruf im Bemühen, als politischer Journalist dem Begriff Medium gerecht zu werden. Das heißt: vermittelndes Element zu sein, also Vermittler zu sein von Meinungen und Stimmungen und Nöten und Freuden. Auch betrieb ich mein Metier im Bewusstsein, nur eine Stimme zu sein unter vielen Stimmen. Schließlich war ich stolz darauf, dass mein Berufsstand mit all den eigensinnigen und eigenständigen Kolleginnen und Kollegen die Vermittlerrolle wahrnahm zwischen den verschiedenen Kräften der Gesellschaft, zwischen den verschiedenen Strömungen der Gesellschaft, vor allem zwischen den Bürgern unterschiedlichster kultureller und sozialer Herkunft.
Da ist er natürlich irritiert, sogar befremdet, wenn sich die deutschen Medien, wie er beobachtet, als eigenständige Macht, noch vor dem Volk bestimmend für die Politik, insbesondere für die Regierungspolitik" gerieren. Noch nie habe er dieses neue journalistische Selbstverständnis so unverhüllt erlebt wie jetzt gerade in Deutschland. Meyer: "Wir Journalisten waren einst die besten Verbündeten Machtloser im Kampf gegen Mächtige, gegen Mächte, vor allem gegen Herrschaftswissen, das die Mächtigen für sich nutzten. Heute sind wir selbst Mächtige: Wir wissen, wie wir unsere Macht umsetzen und einsetzen."
Erliege ich einer Sinnestäuschung, wenn ich mich beim Lesen deutscher Zeitungen und Zeitschriften, beim Konsum deutscher Fernseh- und Radioprogramme des Eindrucks frappierender Gleichförmigkeit nicht erwehren kann? Die Kanzlerin - gestern hui, morgen pfui? Bereits zeichnet sich der neuste Mainstream ab. Wer wagt es noch auszubrechen, andersherum zu denken, neu zu denken? Wer wagt noch den Konflikt, den Schlagabtausch - mit Florett oder mit Schwert - von Blatt zu Blatt, von Journalist zu Journalist? Und wer wagt noch Kritik an einem Kollegen?
Der Eindruck täuscht nicht, Und in der deutschen Medienlandschaft, zumindest in den "Qualitätsmedien", sind die Denker und Fechter nicht in Sicht. Stattdessen bestimmen Kerner und Beckmann die Szene. Aber nach Aussage des ZDF-Chefredakteurs sind das ja auch keine Journalisten: "Ein Journalist wirbt nicht. Wer wirbt ist kein Journalist." (SZ, 22.05.2006, S.15)

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