Die Qual nach der Wahl

Zwischen Wahl und Sinn

Anstoß zur Selbstkritik
Der Wahlabend hat gezeigt: Auch für die Medienbranche selbst gibt es Debatten-Bedarf
VON MARKUS BRAUCK
Es gibt eigentlih überhaupt nur einen Grund, warum Politiker Wahlen verlieren. Weil sie sich zur Wahl stellen. Journalisten droht dieses Schicksal meistens nicht. Sie stehen beobachtend und kommentierend an der Seite, sie können große Propheten sein oder sich menschlich irren. Eine Wahl verlieren können sie eigentlich nicht.
Quelle: Frankfurter Rundschau, 21.09.2005
Nun hat die Medienmagazin V.i.S.d.P. zwei Journalisten trotzdem zu Verlierern der Wahl erklärt. Den Stern-Kolumnisten Hans-Ulrich Jörges, der sich mit Haut und Haaren einem schwarz-gelbem Wahlsieg verschrieben hatte, und den ZDF-Moderator Peter Hahne, der Angela Merkel am Wahlabend als Bundeskanzlerin begrüßte. Damit liegt die Medienzeitschrift gut im Kanzler-Trend. Gerhard Schröder hatte die Journalisten (oder etwas verwaschener: "die Medien") ja selbst zu Wahlverlierern erklärt, weil er vor allem gegen sie gewonnen habe. ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender hatte sich am Sonntag gegen diesen Vorwurf der Kampagne verwahrt. Das war richtig, doch dabei durfte es nicht bleiben. Deshalb beginnt allmählich eine selbstkritische Debatte der Medien. Nicht nur Angela Merkel muss sich fragen lassen: Was lief falsch im Wahlkampf? Anders gefragt: Könnte es sein, dass einige Journalisten oder einige Medien die Grenzlinie übertreten haben, hinter der sie plötzlich nicht mehr nur über Kandidaten schreiben und senden, sondern auf einmal quasi selbst zur Wahl stehen, weil sie meinen, selbst Politik treiben zu können, indem sie Politiker vor sich hertreiben und letztendlich über das politische Personal bestimmen? Am Dienstag schrieb der ausgewiesen konservative Eckhard Fuhr in der nicht besonders kanzlerfreundlichen Welt: Seit dem Wahlsieg 2002 habe sich Schröder einen "mehr und mehr geschlossenen Medienfront" gegenüber gesehen. "Aus Kommentatoren wurden Oberlehrer, die immer ungeduldiger das Abarbeiten einer ,Reformagenda' einforderten, über deren Inhalt und Verbindlichkeit es angeblich ,überhaupt keine Diskussion' geben dürfe." Das ist kein Problem, das mit dem Wahltag erledigt ist. Die Wirkung dieses Mechanismus war schon länger zu beobachten. Einerseits hat ein medialer Mainstream immer wieder stärkere Reformen eingeklagt, mehr Markt, weniger Staat und wie die Parolen alle heißen. Doch sobald diese Reformen umgesetz wurden und sich sozialer Unmut regte, lenkten besonders die Boulevardmedien diesen Ärger auf ihre Seiten. Dabei bedienten sie sich eines eleganten Winkelzugs, damit sie immer härtere Reformen fordern und zugleich deren unsoziale Umsetzung kritisieren konnten. Die Kritik galt der "handwerklichen Umsetzung". So ließen sich die im großen und ganzen gleichen Dinge weiter im Konjunktiv fordern und im Indikativ verteufeln. Zunächst wurde Unmut nur umgelenkt. Doch immer stärker wurde er auch erzeugt, oder vornehmer: medial verstärkt. Der Schriftsteller Peter Schneider hatte bereits im August in der Zeitschrift Cicero bemerkt: "Wer in den Chor des Abschiedsgebrülls hineinhört, fragt sich verblüfft, womit Rot-Grün sich so viel Hass und Hohn von links bis rechts verdient hat. Als Helmut Kohl nach sechzehn Jahren aufgeschobener Reformpolitik von den Wählern in Pension geschickt wurde, fiel der Abschied eher getragen aus." Schneider belegt seine Beobachtung mit ein paar ganz hübschen Beispielen von Schlagzeilen, die tatsächlich die mediale Stimmung der vergangenen Monate wiedergeben. "Raus hier, aber dalli!" (taz) Über einem Foto des übergewichtigen Joschka Fischer: "Die fetten Jahre sind vorbei." (taz). "Joschka zu fett für Wahlkampf?" (Bild) "Rot-Grün zu dumm zum Selbstmord?" (Bild am Sonntag); "Es reicht, Gerhard Schröder!"(Financial Times Deutschland). Schneider zitiert zudem einen Text aus dem Stern, in dem einer über die Grünen schreibt, wie "vollkommen moralisch degeneriert dieses Karriere-Kartell der Schönfärber, der Heuchler, der Opportunisten" sei. Das Wochenmagazin ist da ähnlich aggressiv wie das Boulevardblatt Express, das schrieb: "Die einst so stolze Partei liegt wie ein gerupftes Huhn da, das noch ein bisschen zuckt und mit schrillem Gegacker versucht, dem Kochtopf zu entrinnen." Es reicht nicht aus, in den Zeitungen und Polittalkshows nach der Wahl nun über das Scheitern der Demoskopen zu berichten. Journalisten waren genauso umfragegläubig wie Politiker. Und auch für Journalisten konnte die "Volatilität" der Wähler nach der Bundestagswahl 2002 und den Landtagswahlen in Schlesweig-Holstein und Nordrhein-Westfalen kein wirklich neues Phänomen mehr sein. Was Parteisprecher nach der Wahl so sagen, das muss auch für den deutschen Politikjournalismus gelten: Wir müssen schauen, woran es gelegen hat. Viel spricht dafür, dass sich die Machtwelt aus Politik, Fachleuten und Medien virtualisiert hat. Dass sich alle drei Gruppen zusammen gern als nach vorn gewandte Elite verstehen. Als Meinungsmacher. Zukunftsmacher. Politikmacher. Könnte sein, dass dieser Komplex abgehoben ist von der Wirklichkeit und abgedriftet von seinen Souveränen: den Wählern und den Lesern oder Zuschauern. Politiker werden für so ein Verhalten durch Wahlniederlagen bestraft. Journalisten stehen nicht zur Wahl. Für sie gibt es nur Selbstkontrolle und Selbstkritik. Denn auch für die Medien gilt: Nach der Wahl ist vor der Wahl.
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Erscheinungsdatum 21.09.2005

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