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Quo wahlis

Josef Reindl
Oskar Lafontaine und die Spaßguerilla des Kapitals
SOZIALDEMOKRATISCHES PROGRAMM - Über einen "Unzeitgemäßen", der auch ein „Ungleichzeitiger” ist

Quelle
Freitag 25, 24.06.2005
Oskar Lafontaine hat nach seinem Rücktritt inzwischen das dritte Buch geschrieben. Politik für alle variiert noch einmal das Grundthema, das auch die beiden anderen Veröffentlichungen durchzieht: eine Abrechnung mit der politischen Klasse und der SPD, die nach seinem Urteil auf der ganzen Linie versagt hat. Der Autor setzt mit seiner Trilogie Das Herz schlägt links, Die Wut wächst und nun Politik für alle einen eigenen Akzent in der Kapitalismusdebatte, doch nimmt er nicht in erster Linie die Kapitalisten und Manager aufs Korn, sondern die politische Elite. Wo die anderen einen Souveränitätsverlust des Staates sehen, da sieht Lafontaine einen Kompetenz- und Niveauverlust des Herrschaftspersonals. Für den unverzeihlichsten Fehler hält er die Adoption des Neoliberalismus, dessen Handschrift die allermeisten Regierungsdekrete tragen. Es gibt für Lafontaine keinen in der Sache liegenden Grund für das kapitalfromme und arbeiterfeindliche Handeln seiner Ex-Genossen, es entspringt einzig einer wirkmächtigen Ideologie, die inzwischen fast schon Züge einer Heilslehre angenommen hat.
So richtig es ist, gegen die "organisierte Verantwortungslosigkeit", der zufolge die Politiker keine Handlungsalternativen mehr haben, zu polemisieren, so problematisch ist es zugleich, ihre Handlungsmacht zu überschätzen.

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