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Quo wahlis

Das Bedürfnis kommt von unten
Die Linkspartei konnte erstarken, weil die Regierung den Kontakt mit der Bevölkerung verlor
VON IRING FETSCHER
Quelle Frankfurter Rundschau 30.07.2005
Mit der Vereinigung von PDS und WASG zur "Linkspartei" in ganz Deutschland ist zum ersten Mal in der Geschichte Nachkriegsdeutschlands eine Partei entstanden, die - nach bisherigen Prognosen - links von der SPD etwa elf Prozent der Wählerstimmen bei der Bundestagswahl im September erreichen könnte. Zu diesem wahrscheinlichen Erfolg tragen zwar unter anderem auch die bekannten Namen der Spitzenpolitiker Oskar Lafontaine und Gregor Gysi bei, aber ohne das Bedürfnis nach einer solchen Parteibildung "von unten" wäre es nicht dazu gekommen. ...
Die pessimistisch grob verzeichnete Lage und die Erfolglosigkeit der Reformen im Sinne der "angebotsorientierten" Wirtschaftsbelebung haben zu einem großen Potenzial an Unzufriedenen geführt ...
Die Klage über die hohe Staatsverschuldung vergisst, dass die deutsche Bevölkerung bei einer Sparquote von 10 Prozent über genügend Mittel verfügt, um diese Schuldenlast - als arbeitslose Einkommensquelle der wohlhabenden Minderheit - zu tragen. Die Tatsache, dass unser "armes" Land Exportweltmeister ist und es vor allem an Binnennachfrage mangelt, legt eine andere Wirtschafts- und Sozialpolitik nahe, wie sie zum Beispiel von Albrecht Müller (in seinem Buch "Die Reformlüge") empfohlen wird .
Die Redaktion schreibt über den Autor:
Der renommierte Frankfurter Politikwissenschaftler Prof. Iring Fetscher (Jahrgang 1922) gelangte als Marxismusforscher und durch sein Engagement für die Menschenrechte in Europa zu internationalen Ruhm. Er studierte in Tübingen und an der Sorbonne und lehrte von 1963 bis 1988 als Professor an der Universität Frankfurt. Er lehnte einige Rufe an andere Universitäten ab. Für sein Lebenswerk bekam Fetscher 2004 die Ehrendoktorwürde der Philosophie verliehen. 1950 hatte er mit einer Arbeit über "Hegels Lehre des Menschen" promoviert. 1956 erschien sein Standardwerk "Von Marx zur Sowjetideologie". aud

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