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Quo wahlis

Was zur Wahl gestellt wird und was zut Wahl steht
Ulrich Beck skizziert deutsche Wahlmöglichkeiten
Der Soziologe Ulrich Beck befasst sich - angesichts der politischen Situation in der Republik höchst aktuell - gewohnt scharf mit den deutschen Zuständen. In seinem neuen Buch schreibt er, dass "weder die amtierende Regierung, noch die mitregierende oppositionelle Vielleicht-Regierung" die Kernfrage aufgeworfen hätten, wie ein Deutschland aussieht, das aus der Reformpolitik entstehe. Die Hoffung, so der Autor, dass alles mit ein paar Reförmchen wieder gut werde, trüge.
Beck will ,die Frage aufrollen, was zur Wahl steht, und nicht die, was zur Wahl gestellt wird.", kündigt der Autor im Vorwort an. Die ,Edition Zweite Moderne", in der das vorliegende Buch erschienen sei, stehe für eine neue gesellschaftliche Wirklichkeit, ,deren Grenzen und Grundlagen in Fluß geraten sind", erklärt der Verlag. Man habe die ,erste Moderne", die den ,Leitideen der Vollbeschäftigung, der Dominanz nationalstaatlicher Politik gegenüber der nationalen Wirtschaft, funktionierender Grenzen, klarer territorialer Identitäten" verpflichtet war, überwunden und frage sich nun ,was entsteht dann?". So auch Ulrich Beck. In ,Was zur Wahl steht" vertrete er die These, dass die berechtigte Kritik an der Schröder-Fischer-Politik nicht darüber hinweg täuschen könne, dass die ,Pleite Deutschlands" vielfältigste Ursachen habe und nicht zuletzt ,im Kopf" beginne. Die Deutschen suchten zwar nach einem ,Reformator oder einer Reformatorin, die das Schlamasseldeutschland wenn schon nicht von seiner Malaise befreit, ihm zumindest hilft, aus seinem Schlamassel herauszufinden". Die Aussichten seien aber (wieder einmal) alles andere als prächtig, meint Beck. Denn nicht das Auswechseln der Regierungsparteien, sondern eine Veränderung im Denken sei notwendig, damit politisch etwas in Bewegung gerate. Deutschland müsse sich ,neu finden und erfinden", um in einer globalisierten Welt handlungsfähig zu sein.
Quelle Die Berliner Literaturkritik, 30.06.2005

Dagegen meint Wolfgang Lieb in seiner Buchrezension: "Von den wirklichen politischen Alternativen, die heute zur Wahl stünden, lenkt der Essay jedenfalls ab."

Ulrich Becks Essay ,Was zur Wahl steht" ist enttäuschend und täuschend zugleich - schon mit seinem Titel. Um es vorweg zu sagen: Wir besprechen das Buch nur deshalb, weil es nicht nur ein Beweis für den Niedergang der kritischen Soziologie in Deutschland ist, sondern auch dafür, wie Intellektuelle in der Suade einer sog. ,Zweiten Moderne" ,die neoliberale Befreiungsrhetorik" einerseits literarisch abgehoben dem Untergang weihen und andererseits gleichzeitig deren Glaubenssätze als nicht mehr hinterfragbare Realität auslegen.
Quelle NDS, Kritisches Tagebuch, 22.08.2005

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