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Absurdes Tagebuch

Zeit-gerechte Fragen

Liebe Freundinnen, liebe Freunde

hättet ihr gedacht, dass von den Medien solche Fragen gestellt werden: "Die Gewinne der Unternehmen und die Gehälter der Vorstände steigen, aber immer mehr Arbeitnehmer werden entlassen. Welchen Sinn hat das Wirtschaften eigentlich, wenn immer mehr Menschen immer weniger davon haben?" Oder solche: "Es bleibt die Frage, ob all der besprochene Wandel nur dem zu verzinsenden Kapital zugute kommen darf. Ein Unternehmensleiter, der seiner Belegschaft sagt: "Ich brauche statt vier künftig acht Prozent Verzinsung, und deswegen brauche ich statt achthundert nur noch vierhundert Mitarbeiter", muß sich doch irgendwo elend vorkommen." Oder gar solche: "Wann hört die Loyalität der Bürger auf, weil wegen des internationalen Wettbewerbs die Arbeitslosigkeit fortwährend steigt?"

Und könnet ihr glauben, dass ein Experte solche Antworten gibt: "Wenn diese Legende durchschaut wird. Daß man einzelwirtschaftliche Erfahrungen hochrechnen kann auf die gesamte Wirtschaft, überzeugt immer weniger. Man kann der Bevölkerung nicht mehr sagen: Euer gegenwärtiges Opfer ist der erste Schritt für einen besseren Zustand, den ihr in absehbarer Zeit erreichen werdet." Oder gar solche: "Ich frage: Warum diese Konzentration auf den Export? Eigentlich sind doch die Binnennachfrage, die Binnenwirtschaft oder wenigstens die Gesamtwirtschaft der vorrangige Gegenstand einer Deutung und dann auch einer Gestaltung. Natürlich gestehe ich zu, daß sich die nationalen Regierungen und die nationalen Notenbanken angesichts der Disziplinierung durch den Weltmarkt mehr oder weniger als ohnmächtig ansehen. Aber in einer Kooperation europäischer Regierungen und Notenbanken könnte dieser Wirtschaftsstil - das "europäische Modell", wie Jacques Delors sagt - durchaus offensiv vertreten werden."

Mehr noch: Könnet ihr fassen, dass ein McKinsey-Chef sagt: "Das Modell Deutschland war extrem erfolgreich. Und ich glaube, alle am Tisch sind der Meinung: Wir würden die sozialen Spannungen, die in den USA sichtbar sind, ablehnen - von politisch ganz links bis ganz rechts. Und wir würden auch keine japanische Situation haben wollen, in der die Sozialleistungen bei der zweiten oder dritten Zulieferstufe der Automobilhersteller zwanzig, dreißig Prozent geringer sind als beim Hauptabnehmer. Wir haben hier vielmehr ein Erfolgsmuster, das sich nun anpassen muß. Und die Voraussetzungen sind da ..."

Und ist es erst recht vorstellbar, dass ein Topmanager verkündet: "Wir sind einer der teuersten Standorte in der Welt, und was besonders teuer ist, ist auch besonders gut. Das sollte uns in diesem Sinne auch einmal selbstbewußt machen. Und es gibt genug Erfolgserlebnisse. Deshalb müssen wir uns ganz genau überlegen, was wir aus dieser Situation jetzt machen und was wir tun wollen, um den Wohlstand, das Sozialsystem, die Sicherheit und alles das weiterzuentwickeln, was uns in der Konsensgesellschaft in den vergangenen vierzig Jahren so weit gebracht."

Sollte Müntes Philippika über Nacht all den Verblendeten - sich selbst und die SPD eingeschlossen - die Augen geöffnet haben? Nein, natürlich nicht. Aber die Zitate sind nicht erfunden. Sie stammen nur aus dem Jahre 1997.

http://www.zeit.de/archiv/1997/02/thema.txt.19970103.xml

Bleibt die Frage: Was ist - bei so viel frühzeitiger Einsicht - da schief gelaufen? Und was hat die SPD auf einen Kurs gebracht, dass man erneut mit Tucholsky beklagen muss, dass "der Laden seine schlechten Geschäfte unter einem ehemals guten Namen" macht?


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