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Absurdes Tagebuch

Scharfzüngige Intelligenz ausgebremst

Guten Tag,

hiermit gestatte ich Frau Illner mein "Absurdes Tagebuch" vom 11.11. (freundliche Fassung) zu lesen:

[AT20041111FF] Die Tagesschau im Ersten hat ein Interview zu der Forderung nach der Rückkehr zuz 40-Stunden-Woche referiert, gesendet, das aufhorchen lässt, weil einmal nicht nachgeplappert wird, was Prof. Dr. Leo Niberal und sein Kollege Ifo von Sinnen vorgegeben haben. Da wagt dock ein Dr. Steffen Lehndorff, Direktor des Forschungsschwerpunkts Arbeitszeit und Arbeitsorganisation beim Institut Arbeit und Technik in Gelsenkirchen, zu sagen: "Die Diskussion ist absurd und rückwärtsgewandt." Sein Fazit: "Längere Arbeitszeit steigert die Arbeitslosigkeit." (Nachzulesen samt Be- gründung, die interessanterweise auch auf Konkurrenzfähigkeit zielt, unter [1] )

Kurz darauf im Zweiten, Berlin Mitte, zum gleichen Thema: Die 'Hüter der Vernunft' aus dem 'Juste milieu' schlagen zurück. Mit dem Zweiten sieht man eben besser.

Die Systemveränderer Koch und Rogowski (bekannt für seine Kriegs- erklärungen an den Sozialstaat) durften wieder mal, ebenso wortge- waltig wie stereotyp, ex cathedra ihre "unbestreitbaren Wahrheiten" verkünden: Mehr Arbeit und weniger Lohn führt zu mehr Wachstum und mehr Beschäftigung.

Die blieben dann auch weitgehend unbestritten. Kleinlaut gingen die rot-grünen Vertreter aus der 'Einheitsfront der Reformer' in Deckung: "Das ist Sache der Tarifpartner." Im übrigen, so Wowereit anerkennend, sei es doch schon so, dass die Arbeitnehmer tagtäglich auf Lohn, Urlaub und mehr verzichteten. Die Grüne Göring-Eckard setzte, ohne rot zu werden, noch einen drauf: "Ostdeutsche sind ein gutes Beispiel, die sind nämlich wirklich flexibel." Die könne man jeden Sonntagnachmittag in den Autoschlangen Richtung Westen und jeden Freitagabend Richtung Osten besichtigen.

Nur eine Spielverderberin war in der Runde. Die Schriftstellerin Daniela Dahn mahnte an, doch denjenigen Arbeit zu geben, die keine hätten und nicht wenige noch mehr arbeiten zu lassen. "Arbeit ist ein Menschenrecht", wagte sie zu behaupten, während die Neolibs, je nach Coleur, mitleidig lächelten oder verschämt dreinschauten. Mehr Flexibilität führe nicht unbedingt zum Erfolg, stellte sie fest. Trotz längerer Arbeitszeiten und niedriger Löhne sei die Saat nicht aufgegangen, gebe es keine blühenden Landschaften.

Moderatorin Illner ("Intelligent, scharfzüngig undrasant"), wohl unter den kognitiven Dissonanzen, die Rogowski bei ihr ausgelöst hatte, leidend, griff das beherzt auf und fragte tapfer in die Runde - mehrfach und vergeblich -, warum denn die Dividende für die Arbeitnehmer bisher ausgeblieben sei.

Nur Rogowski hatte eine gewohnt einfache Erklärung: Weil das alles noch nicht ausgereicht hat und deshalb noch mehr (zurück) gefordert werden müsse: Veralteter Kündigungsschutz, fehlender Niedriglohnsektor und zu kuze Arbeitszeiten verhinderten immer noch den wirtschaftlichen Aufschwung.

Kein Wunder, dass der leise Einwand, das sei alles zu betriebswirtschaftlich gedacht und führe volkswirtschaftlich gesehen in die Sackgasse, ungehört verhallt. Von einer 'inkompetenten' Schriftstellerin, die ja von Rogowski noch keine Vorlesung erhalten hat, lässt sich eine solche Runde doch nicht beirren. Verzweifelt versuche ich mit der Fernbedienung Herrn Lehndorff vom Ersten ins Zweite zu beamen.

Die Moderatorin verzichtet resigniert auf eine "intelligent-scharfzüngige" Nachfrage und wünscht viel Spaß beim Vermehren der gewonnenen Einsichten. Bevor man sich aber fragen kann, welche das denn gewesen sein könnten oder ob das die Auftaktsendung für die fünfte Jahreszeit war, hat Kollege Kerner schon einfühlsam säuselnd das Gehirn betäubt. Gute Nacht. Deutschland.

[1] http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID3780086,00.html

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