Die Qual nach der Wahl

Zwischen Wahl und Sinn

In der Traum-Rolle gefangen

Medien-Debatte, zweite Runde: Nahkampf unter Kollegen

Wenn Journalisten Stimmung machen, setzen sie ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel, hatte die ZEIT selbstkritisch bekannt (siehe Link am rechten Rand: Aus der Rolle gefallen).

Nach einem kurzen Anflug von Besinnung ging der Medienmacht-Kampf scnell in den "kollegialen" Nahkampf über, Mann gegen Mann. "PR-Leute nennen Journalisten Trend-Huren" zitiert z.B. Hans Leyendecker (SZ) den PR-Profi Klaus Kocks und legt sich vor allem mit Jörges an, "der sich als Solist gibt, selbst wenn er im Chor singt".

Und was sagt der vorlaute Zwischenrufer aus dem Berliner stern-Büro, den seine Kollegen als verglühten Fixstern sinken sehen? Während der SPIEGEL, unter Beschuss aus eigenen Reihen, sich als Bollwerk - etymologisch wurde daraus Boulevard - gegen Angriffe auf die Pressefreiheit stilisiert [1], startete Hans-Ulrich Jörges einen gewagten Entlastungsangriff und holte zum Befreiungschlag gegen den "Gesinnungsjournalismus der siebziger Jahre", der zwar tot sei, dessen Protagonisten aber "Phantomschmerz" plage, aus (stern Nr. 40/2005, Zwischenruf, Kommentar der Woche, "Netzwerk Espede - Dem Wahlkampf der Parteien folgt der Nahkampf von Journalisten"). [2]

(NB: Wenn Otto Schily im Fahrwasser der "Medienschelte" mit Drohgebärden die große Keule schwingt [3], ist das natürlich ein ernstes Thema, das man aber nicht so aufgeregt behandeln sollte [7]. Trotzdem sind es zwei Paar Stiefel, die der SPIEGEL zu vertauschen sucht. [1])

Da mag dann auch das WamS nicht länger schweigen - ist es doch dem Kanzler gelungen, mit seinen "polemischen Bemerkungen gegen die Medien" eine "erbitterte Selbstzerfleischung" in der Zunft auszulösen, so Chef Keeses Leit-Artikel "Genußvolle Zerfleischung" vom 02.10.2005 [4].

Unglaublich, "selbst Blätter, die im Wahlkampf fair und ohne Tadel berichtet hatten, trommeln sich in Selbstanklage auf die Brust". [8] Und, völlig unverständlich: "Die Diskussion nimmt kein Ende. Täglich erscheinen neue Anklagen und Gehässigkeiten. Ein ganzer Berufsstand spricht vom kollektiven Versagen ..." [9] Das darf doch nicht wahr sein: "Mit Inbrunst werfen Journalisten sich in Sack und Asche."

Dabei ist das alles völlig unangebracht, sagt uns die gute alte Tante NZZ am 23.09.2005: Erstens tut man gut daran, "Schrders Medienschimpf", die "angebliche Verluderung der journalistischen Sitten", als Teil seiner Selbstinszenierung" schnell zu vergessen. Und zweitens hat diese Pleite "nichts mit einem Meinungskartell beinharter Neoliberaler in den Redaktionen zu tun, sondern etwas mit dem Funktionieren des Medienmarkts". So ist das also: Spraren wir uns die Verschwörungstheorie und vertrauen auf den Markt - er wird's schon richten. Dumm nur, dass damit die Armen hinterrücks Opfer ihrer eigenen Ideologie geworden sind. Weil das hilfsökonomische Argument vielleicht doch nicht so tragfähig ist. steigen die alpenländischen Gipfelstürmer zu philosophischen Höhen empor: "Es scheint, als ob die Wirklichkeit dieser medialen Dauerbeobachtung gar nicht gewachsen ist."

Keeses WamS will natürlich nicht "voller Reue erklären, soeben aus einem bösen Fiebertraum erwacht zu sein". Warum auch?! Ihm träumt, "Deutschlands Presse ist mehrheitlich in fabelhaftem Zustand: frei, pluralistisch, fair, gründlich, sachlich, unparteiisch, selbstkritisch, vor allem aber interessiert an Substanz".

Mehrheitlich? Damit kann er eigenlich nur die Blätter aus dem eigenen Hause gemeint und - ohne jeden Konkurrenzneid - den SPIEGEL, stern, Focus gleich mit einbezogen haben. So steht es ja auch jeden Tag auf den Titelseiten der Springer-Zeitungen, als Selbstanzeige unter den großen Namenslettern. "Diese Presse hat allen Grund zum Stolz."

O Kesse, Du bist Deutschland! Dein Flügelschlag kann besitzstandsverkrustete Bäume entwurzeln. Schlag mit deinen Flügeln und reiß' sie aus. Meckere nicht über dein reformunfähiges Land, sondern biete ihm deine Hilfe an. Kaum vorgesagt [5a,5b] und schon greift er die Botschaft des Deutschland-Manifests auf: "Machen wir uns die Hände schmutzig."

Eines muss doch jedem wahren Patrioten endlich klar geworden sein: "Der Ausgang der Wahl und die Debatte danach zeugen von einer Vertrauenskrise der Demokratie." Gemeinsam mit der Alfred-Herrhausen-Gesellschaft und dem Deutschlandradio will er dazu im Februar einen Kongreß in Berlin veranstalten. Schließlich hatte diese Kooperation sich schon bei der Debatte über die Ziele der 40jährigen (in den Chefetagen der sendungsbewußten Medienhäuser) "bewährt", die in einer "erfolgreichen" Konferenz in Weimar gipfelte. "Nun nehmen wir uns gemeinsam des nächsten großen Themas an." Klingt wie eine Drohung, ist aber wohl ernst gemeint. Hoffen wir, dass Berlin nicht Weimar ist.

Da sammlen sich also die rechtes Vertrauen schaffenden Hüter für Medien-Demokratie. In den bescheidenen Worten seines Mitstreiters für stramme Haltung, Romanus Otte:

"Journalisten machen sich zunehmend frei von Loyalitäten zu Parteien und Personen, sehen sich stärker ihren Lesern verpflichtet. Früher verstellte die Gesinnung oft den Blick auf die Wirklichkeit. An ihre Stelle ist die Haltung getreten, als Maßstab, um die Politik am Ergebnis zu messen." [6]

Soll wohl heißen: Wir setzen den realistischen Maßstab und halten der Politik die Messlatte hin - im Auftrag der Leser und garantiert ohne Gesinnung Schöne neue TINA-Demokratie. Was hat Otte noch dem neuen Souverän, dem Leser, versprochen: "Passen wir auf!"

P(r)ost Wahlzeit!

[1] http://spiegel.de/spiegel/0,1518,druck-377456,00.html [2] http://taz.de/pt/2005/09/30/a0195.nf/textdruck [3a] http://heise.de/tp/r4/artikel/21/21060/1.html [3b] http://netzeitung.de/medien/altpapier/361595.html [4] http://wams.de/data/2005/10/02/783782.html?prx=1 [5a] http://heise.de/tp/r4/artikel/21/21014/1.html [5b] http://heise.de/tp/r4/artikel/21/21021/1.html [6] http://wams.de/data/2005/10/02/783748.html?prx=1 [7] http://www.taz.de/pt/2005/10/04/a0177.nf/textdruck [8] Einige davon referiert die Netzeitung in der Altpapier-Rubrik: http://netzeitung.de/medien/altpapier/359322.html [9] http://netzeitung.de/medien/altpapier/360997.html


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