Die Qual nach der Wahl

Zwischen Wahl und Sinn

Aus der Rolle gefallen

Wenn Journalisten Stimmung machen ...

setzen sie ihr höchstes Gut aufs Spiel: Die Glaubwürdigkeit Von Giovanni di Lorenzo [1]

(Schade nur, dass die ZEIT das Wörtchen 'Von' nicht klein geschrieben hat.)

Das Medienmagazin V.i.S.d.P. hat in einem Wahl-Spezial ("Die Nacht der langen Gesichter") zwei Journalisten - stellvertretend für viele, viele andere - zu Verlierern der Wahl erklärt. Den Stern-Kolumnisten Hans-Ulrich Jörges, der sich mit Haut und Haaren einem schwarz-gelbem Wahlsieg verschrieben hatte, und den ZDF-Moderator Peter "Flüsterriese" Hahne, der Angela Merkel am Wahlabend als Bundeskanzlerin begrüßte.

Der zum Wahlgewinner ausgerufene Frank A. Meyer hatte schon vor Monate vor der Wahl das "gleichgeschaltete" Meinungskartell beklagt [11]: Statt politischer Auseinandersetzung "mediale Vorwegnahme des Resultats", prangerte er "Ranschmeißer" an, die Interviews "ohne alle kritische Distanz" als "Gespräch unter Kumpanen" führten.

In der Süddeutschen vom 23.09.2005 identifiziert Hans Leyendecker einen der "großen Verlierer dieser Wahl": die "sehr freie, äußerst selbstbewusste, angeblich der Aufklärung verpflichtete deutsche Presse, die Umfragen zur Grundlage von Kommentaren machte".

In einem Interview mit der taz, erschienen am gleichen Tag, hatte Joschka Fischer nach dem kultigen Auftritt von Gerhard "Don Krawallo" Schröder jovial festgestellt:

"Diese konservativen Jungchefs in den Chefredaktionen von Spiegel, Zeit und sonst woher, die Journalismus mit Politik verwechseln, müssten sich nach ihrem eigenen konservativen Ehrenkodex eigentlich in das Schwert stürzen - politisch natürlich. Und, hat es einer getan? Nichts da, kein einziges Wort der Selbstkritik. Stattdessen entschuldigt sich Springer-Chef Matthias Döpfner im Wall Street Journal für dieses angeblich komische Wahlverhalten der Deutschen. Das ist empörend!"

Der Satz rote Ohren, den ihnen der Wähler verpasst hat - bei einigen "dieser selbsternannten Experten" hat er immerhin schon zu der Erkenntnis geführt:

"Wir Journalisten sind Teil des Problems, das mit dem überraschenden Ergebnis am 18. September sichtbar geworden ist: Das Sensorium für die Menschen außerhalb des politischen Betriebs ist stumpf geworden." (di Lorenzo: Aus der Rolle gefallen, ZEIT 29.09.2005 Nr. 40 [1])

Gabor, Stefan, herhören! Beim SPIEGEL ist mit so viel Selbsterkenntnis so schnell wohl nicht zu rechnen - auch wenn die belämmerten Wirtstiere eines Gabor Steingart weniger laut blöken. Im Gegenteil: Das einstige "Sturmgeschütz der Demokratie", heute die "Spritzpistole der Angela Merkel" (Tom Schimmeck, der unter der Berliner Käseglocke eine steigende "Arschlochquote" gerochen hat [2]) legt in autistisch-lamoyanter Arroganz nach und beklagt einen "Putsch gegen die Wirklichkeit" [10]. Ein Psychoanalytiker hätte seine Freud an solch klassischem Fall von Projektion.

In der "Hausmitteilung" der Nummer 40/2005 vom 1. Oktober flüchtet sich Chefredakteur Stefan Aust vor der Selbstkritik in Selbstgefällichkeit: Die kritische Distanz zu den Gewählten ist das Betriebskapital einer unabhängigen Zeitschrift. ... Die Zunft wird aufpassen, wenn bei den Regierenden der Machtrauch durchschlägt ..." Als ginge es um die heroische Verteidigung der Meinungsfreiheit und nicht um den Vorwurf des Kampagnenjournalismus' (siehe dazu auch [9]).

Jürgen Leinemann, ehemaliger Ressortleiter beim SPIEGEL, hat kürzlich in einer nachdenklichen Rede über seine Zunft einen treffenden Satz geprägt, der bei den Agenda-Settern im eigenen Haus noch nicht angekommen ist:

"Die journalistische Freiheit wird in der Bundesrepublik heute viel weniger durch obrigkeitsstaatliche Pressionen bedroht als durch die weiche Knechtschaft einer eitlen Selbstverliebtheit."

(Siehe zur geteilten deutschen Wirklichkeit auch den Beitrag von Franz Walter in der taz vom 27.09.2005) [3]

Andernorts, schon vor der ZEIT, hat das Nachdenken indes eingesetzt:

  • Peter Unfried: Ich habe Fehler gemacht (taz, 26.09.2005) [4]
  • Markus Brauck: Anstoß zur Selbstkritik (Frankfurter Rundschau, 21.09.2005)
  • Hannah Pilarczyk: Das Mediendebakel (taz, 20.09.2008) [5]
  • Kompilat der Netzeitung (Altpapier vom Dienstag, 20.09.2005) [6]
  • Kompilat der Netzeitung (Altpapier vom Freitag, 30.09.2005) [7]
  • Kompilat der Netzeitung (Altpapier vom Dienstag, 04.10.2005) [8]
  • Peter Unfried: Ein bisschen Jörges (taz, 04.10.2005) [9]

Siehe auch:

  • Paul Neumann: Wer die Medien beherrscht ... (Medientagebuch, Freitag 39,
  1. 09.2005) [12]

Wenn Journalisten Stimmung machen ...

geht der Medien-Kampf in die nächste Runde: Nahkampf unter Kollegen. Haltet den Gesinnungsdieb, rufen die Brand-Stifter der Marke "TINA", schlüpfen eiligst in die Feuerwehr-uniform und halten ihre Spritzpostolen auf Pappkameraden. (siehe Link am rechten Rand: In der Traum-Rolle gefangen).

[1] http://zeit.de/2005/40/01_leit240 [2] http://taz.de/pt/2005/09/17/a0015.nf/textdruck [3] http://taz.de/pt/2005/09/27/a0127.nf/textdruck [4] http://taz.de/pt/2005/09/26/a0135.nf/textdruck [5] http://taz.de/pt/2005/09/20/a0186.nf/textdruck [6] http://netzeitung.de/medien/altpapier/358738.html [7] http://netzeitung.de/medien/altpapier/360562.html [8] http://netzeitung.de/medien/altpapier/360997.html [9] http://taz.de/pt/2005/10/04/a0173.nf/textdruck [10] http://spiegel.de/spiegel/0,1518,376500,00.html [11] http://www.cicero.de/97.php?ressid

6&item

706 [12] http://www.freitag.de/2005/39/05391202.php


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