Die Qual nach der Wahl

Zwischen Wahl und Sinn

Absurdes Theater

mit der Jamaika-Coalition, der Malawi-Combo und der Bavaria-Invention

Eure Majestät, der Souverän, gab am Wahlsonntag die Rohe Botschaft kund und zu wissen:

Wir gewähren der politisch handelnden Klasse keine - erst recht keine neue - Legitimation für die Agenda-Politik. Und die 'gelbe Gefahr' [1] in einer 'schwarzen Republik' bleibt ausdrücklich ausgesperrt.

Die Sabine-Christiansenierung des Volkes hat also - trotz millionenschwerer "Aufklärung" [2] gemein-wohlorientierter Kreise aus Wirtschaft, Wissenschaft und Medien - nicht geklappt. Das neoliberale Komplott ist geplatzt, meldet die Wochenzeitung 'Freitag' [3]. Der Bundeskanzler freute sich:

"Ich bin stolz auf die Menschen in unserem Land. Ich bin stolz auf eine demokratische Kultur, mit der bewiesen worden ist, dass Medienmacht und Medienmanipulation das demokratische Selbstbewusstsein nicht erschüttern."

Medienmacht nicht - und wahltaktische Mimikrie eines Medienkanzlers auch nitcht. Wie sollen die besiegten Umfragesieger und geschlagenen Sieger über die Umfragesieger nun mit der Rohen Botschaft Eurer Majestät umgehen?

Nun gut, so schlimm wird's nicht kommen. Schließlich leben wir in einer Republik, einer parlamentarisch-repräsentativen noch dazu, und Kunde König gibt's ja auch nicht. Da trifft es sich gut. dass der Souverän seine Stimme ab-gegeben hat und deshalb jetzt als "alter Lümmel" (Heine) in den hinteren Zuschaueerreihen Platz nehmen darf.

Während die Auftragnehmer, die den "Kreuzzug für den Kapitalismus" (FTD) propagiert hatten, fassungslos - in peinlich-lamoryanter Arroganz sich selbst reinwaschend und weit entfernt von jedweder Selbstreinigung [4a] - Kanzler und Wähler beschimpfen [4b] und die Auftraggeber damit drohen, den vereitelten Durchmarsch mit einer Rückzugspolitik der verbrannten Erde zu beantworten [5], suchen die Funktionsdemokraten auf der politischen Bühne zu retten, was zu retten ist. Achtzehn-Halbe-Guido ("Ich bin jünger, aber nicht blöder") schwant da so eine Vorstellung, wie des Volkes Wille geschehe:

"Eines ist klar: Beim Wähler hat Schwarz-Gelb keine Mehrheit erzielt. Ob es im deutschen Bundestag eine Mehrheit für den Politikwechsel geben wird - schau'n wir mal." (sinngemäß zitiert)

Also nimmt das absurde Theater Gestalt an und das zahlende Publikum darf die Staatsschauspieler auf der Bühne bestaunen. Vorbereitend wird hinter den Kulissen gepokert und abgerechnet, geheuchelt und gemeuchelt, gekungelt und ge(h)ampelt. Zwischendurch wird der Vorhang mal einen Spalt geöffnet und man sieht trunkene Bolde mit einer Buddel Rum umherirren, die Jamaika-Koalition halluzinierend.

Aber vielleicht ist das ja gar kein absurdes Theater, sondern absurde Realität. Denn schon besinnen sich die Green Bar-Reds auf ihre revolutionären Wurzeln als Umwelz-Partei und entstauben Che Guevara: "Seien wir realistisch und versuchen das Unmögliche." Joschka, der Krampf geht weiter.

Indes ist aus gewöhnlich gut unterbelichteten Netzwerker-Kreisen zu hören, dass die Strippenzieher schon an einem neuen Knallfrosch basteln: Das nur noch schwach strahlende Merkelchen wird in der Uckermark endgelagert. Der in Bayern gebeutelte Quertreiber Stoiber darf das Testament von Franz Josef Strauß vollstrecken und seine eigene Fraktion im Bundestag aufmachen.

Und raus kommt - die Malawi-Combo: Die rot-schwarz-grüne Heilsarmee für Deutschland, unter der lupenreinen schauspielerischen Leitung von Basta-Gerhard. Den staatlichen Hedge-Fond betreut Bierdeckel-Friedrich und den Weltfrieden bewahrt Schildkröte-Joschka.

Allerdings: Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah. Während die schock-gefrusteten Polit-Autisten im postelektoralen Wahn vor dem Wählerwillen - reif für die Insel - in die Karibik nach Jamaika flüchten wollen oder "Ich-bin-und-bleibe-Kanzler"-Allmachtsträume trotzig phantasieren, signalisiert 'The Times' von einer anderen Insel die Lösung - schwarz-rot-goldgelb:

"... the only coalition that could conceivably offer a balanced, coherent prescription for Germany's economic malaise would be a coalition of the post-communists and the conservatives ..."
Zugegeben: Dagegen ist die Malawi-Coalition geradezu provinziell engstirnig und scheu-klapperig.

Das ist natürlich alles Unsinn. Schließlich leidet der abgewählte Kanzler, wie der Philosoph Peter Sloterdijk erkannt hat, nicht an Realitätsverlust - er genießt ihn:

"Schröder hat die wichtige Entdeckung gemacht, dass es auch ohne Realität geht." Realität sei "nur ein depressives Konstrukt für Leute, die sie noch nötig haben".

Deshelb werden wir noch unser blaues Wunder erleben, vielleicht sogar ein weißblaues - wenn der gekündigte Hausbesetzer des Kanzleramtes die Trumpfkarte in dem politischen Farben-Spiel aus dem Ärmel zieht: Rot-Grün-Weißblau sticht Schwarz-Rot und Schwarz-Gelb-Grün.

Davon die Alten glüh'n und die Matten wieder grün'n, benebelt von des blauen Dunstes Macht. Haleluja, sekundiert Franz-Josef von seiner weißen Wolke. Sie proben schon das "Vorspiel auf dem Theater" [6]:

Edmondo: "Sagt, was ihr wohl in deutschen Landen Von unsrer Unternehmung hofft? Ich wünschte sehr der Menge zu behagen ...

Josef Maria: "Ich weiß, wie man den Geist des Volks versöhnt. Doch so verlegen bin ich nie gewesen: Zwar sind sie an das Beste nicht gewöhnt, Allein sie haben schrecklich viel gelesen."

Acker: "O sprich mir nicht von jener bunten Menge, Bei deren Anblick uns der Geist entflieht. Verhülle mir das wogende Gedränge, Das wider Willen uns zum Strudel zieht."

Franz Josef: "Sucht nur die Menschen zu verwirren, Sie zu befriedigen ist schwer-- In bunten Bildern wenig Klarheit, Viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit. Das, alte Herren, ist eure Plicht."

Wir sind Papst und du bist das Wunder von Deutschland. Was soll da noch schief gehen. Zur Not tut's auch eine große schwarz-rote Farbetikettenschwindler-Koalition. "Die Welt" [7] sicht das so:

"In Umrissen wird plötzlich eine ganz andere Gefechtslage sichtbar ... es geht um das Design einer gemeinsamen Politik und die Frage, welche Kontinuität sie verkörpert. Die Bundeskanzler Schröders und seiner Reformagenda. Oder die von CDU-Chefin Merkel und des Neubeginns. Das ist weit mehr als die üblichen Worthülsen.

Genau. Vergessen wir schnell die Zumutung des "alten Lümmels".

P(r)ost Wahlzeit!

Post Scriptum - Bitte notieren: Diese politische Farbenlehre wurde unter Berufung auf Goethe zuerst hier entwickelt - auch wenn ein literarischer Nachfahre und Nobelpreisträger ohne Quellenangabe das abkupfert: "Auf Schröder kann keiner verzichten ... warum nicht mit den Grünen und der CSU?" Echt Grass, eh! [8]

  • [1] http://www.heise.de/tp/r4/artikel/20/20912/1.html
  • [2] siehe unter Menue "Maskenball im Fichtenwald"
  • [3] http://www.freitag.de/2005/38/05380101.php
  • [4a] z.B. Dirk Kurbjuweit: Putsch gegen die Wirklichkeit (SPIEGEL 39/2005)
  • [4b] z.B. FAZ-Herausgeber Berthold Kohler: Ein Debakel (FAZ 19.09.2005)
  • [5] z.B. VDA-Präsident Gottschalk (reuters, 20.09.2005)
  • [6] J. W. Goethe, Faust, Teil 1
  • [7] Johann Michael Möller: Die große Koalition ist ein historischer Zwischenschrit (Die Welt, 27.09.2005)
  • [8] Interview mit Günter Grass (DIE ZEIT 22.09.2005 Nr.39)


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